Fortuna

Im Vergleich zur Weltgeschichte ist natürlich ein Zeitraum von knapp 85 Jahren eine verschwiedend geringe Zeit, vielleicht wie ein Tropfen im großen Ozean. Dennoch für die Leute, die hier gelebt haben, geboren wurden, aufgewachsen sind und dann von hier “vertrieben” wurden, ist dieser Ort als ursprüngliche Heimat von großer Bedeutung. Der Name “Fortuna” ist der der römischen Göttin des Glücks. Nach dieser wurde ein Grubenfeld benannt, wo Kohle abgebaut und Klütten durch Handarbeit hergestellt wurden.
Die Elisabetherinnen aus Essen kauften 1899 das Kloster Bethlehem. Ursprung des Klosters war eine um 1500 errichtet hölzerne Kapelle, die 1608 durch eine neue aus Stein erbaute Kapelle ersetzt wurde. Hier wurde das Gnadenbild der Schmerzhaften Muttergottes (Pieta) verehrt, die heute in der Pfarrkirche zu Bergheim steht. Im Jahre 1637 genehmigte
der Herzog von Jülich den Bau eines Klosters. Ein größerer Neubau des Klosters entstand in der Zeit zwischen 1648 und 1655, eine neue Kirche 1660-1665.
Im Zuge der Säkularisation und Aufhebung des Klosters im Jahre 1802 wurden Teile auf Abbruch verkauft, die Sakralgegenstände auf die Pfarrgemeinden der Nachbarorte verteilt.
Ein Rest der Anlage aus dem 17. Jahrhundert blieb im 3-stöckigen Neubau von 1899 erhalten.

Die Kolonie Fortuna gehörte zur Pfarre Oberaussem. Ein Teil der Bewohner ging nach Quadrath zur Kirche ein anderer Teil nach Oberaussem bei einem jeweiligen Fußweg von ca. 30 Minuten. Anlässlich eines Besuches im Kloster gestattete Erzbischof Fischer den “Fortunesen”, dass sie ihrer Sonntagspflicht im Kloster nachkommen konnten.

Der neue Pfarrer von Oberaussem erhielt den Auftrag für den Bau einer Kirche in Fortuna zu sorgen, da die Zahl der Einwohner immer größer wurde. Es wurde schließlich ein Kirchenbauverein gegründet. Durch die Wirren des 1. Weltkrieges trat das Anliegen des Vereins in den Hintergrund. Nach Ende des Krieges erhöhte sich die Kohleförderung infolge des Verlustes von Elsass-Lothringen und somit auch die Zahl der Bewohner.

Rektor im Kloster war zu der Zeit Heinrich Meurers, der später der 1. Pfarrer in Fortuna wurde.

Große Schwierigkeiten bereitete die Finanzierung der Kirche, Streit gab es darüber vor allem mit der Pfarre in Oberaussem, die die Gelder des Kirchenbauvereins nicht freigeben wollte. Schließlich gab es auch verschiedene Umplanungen (Notkirche, Pläne von Dr. Silverberg u.a.), die den Beginn der Bauarbeiten immer wieder hinauszögerte. Desgleichen wurden die vorhandenen Mittel infolge der fortschreitenden Inflation immer geringer.
Durch großherzige Spenden der Rheinischen AG (Dr. Silverberg und OI Ermert) und auch durch Sachspenden der bei Grube Fortuna beschäftigten Firmen und den freiwiligen Arbeitsleistungen der Bewohner von Fortuna konnte der Bau dann doch in Angriff genommen werden. Am 12. November 1922 erfolgte die Grundsteinlegung. Die Konsekration wurde am 7. Oktober 1923 durch Karl Josef Kardinal Schulte durchgeführt.
Die Kirche wurde der hl. Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute geweiht.

Besonders wertvolle Stücke der Inneneinrichtung waren der große Beichtstuhl auf der rechten Seite aus dem Jahre 1640, der linke Nebenaltar aus der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts beide aus der alten Pfarrkirche in Brühl-Badorf, sowie der Hauptaltar von Ende 17. Jahrh. aus böhmischen Privatbesitz.


Besonderer Anziehungspunkt für die Leute aus nah und fern waren die Weihnachtsmetten und vor besonders große Krippe, die sich vom Nebeneingang bis zum linken Nebenaltar erstreckte.

Im Jahre 1927 lebten in Fortuna ca. 1.400 Menschen, zu besten Zeiten werden es etwa 2.300 Menschen gewesen sein. In Fortuna entwickelte sich im Laufe der Jahre eine rege Vereinstätigkeit auch über den kirchlichen Bereich hinaus.

Für uns als Kinder war natürlich die Kippe der größte Abenteuerspielplatz, den man sich nur wünschen kann, Büdchen bauen, rumstromern, Fußball spielen in den harten Wintern Schlitten fahren von oben auf der Kippe, den Steiger Pesch runter und wenn es gut lief bis zum “Schweizer Haus”.

Wenn man heute liest, dass in Bedburg-Rath das letzte Geschäft geschlossen hat, so kann man sich kaum vorstellen, wie gut die Versorgung damals in Fortuna gewährleistet war.
Als Lebensmittelgeschäfte gab des den Konsum, Bäckerei Orth – später Schumacher, MilchgeschÃät mit Lebensmittel Willi Meurer, ein Verkaufsraum für Backwaren (neben Friseur Metzinger – Name ist mir entfallen), Geschäft Niederreiter an der Eisenbahnbrücke, 3 Metzgereien (Secker, Schmitz und Krahwinkel), 1 Drogerie (Gründling), 1 sog. Kramladen (Brabender), 1 Schuhmacher (Schuster und Bürgermeister Willi Clever), 1 Möbelgeschäft, 4 Kneipen (Kasino, Arnolds Hein, Schmitz und Gierling, später Rausche Hein), 2 Friseure (Metzinger und Weck) sowie ein Kino.

Nach dem Tod des damaligen Dechants Heinrich Meurer am 19. Dezember 1953 wurde am 14. März 1954 Georg Helbach als neuer Pastor in Fortuna eingeführt. Nach dessen Weggang übernahm der ehem. Krankenhausseelsorger von Bergheim, Herr Pastor Ewens, später dann Pfarrer Georg Forni bis zu seinem Tod am 14. Oktober 1979 die Pastorenstelle.

Aus der kleinen Pfarrgemeinde Fortuna sind – man soll es kaum glauben – 4 Priester hervorgegangen. 1949 Gottfried Schmitz – später Pfarrer in Niederembt -, 1952 Johannes Wingenfeld, zuletzt Pfarrer in Paffendorf, 1963 Gerd Verhoeven, jetzt Pastor in Ruhestand sowie 1978 Norbert Müller.

Nachdem endgültig feststand, dass die Kohle unter Fortuna abgebaut werden sollte, begann für Fortuna ein schleichender Tod. Da es hier nur sehr wenige Privateigentümer gab, kam eine geschlossene Umsiedlung wie bei sonstigen Orten im Revier (zuletzt Etzweiler) nicht in Betracht. Zunächst wurden die freiwerdenden Häuser mit türkischen Gastarbeitern belegt.
Der Ausländeranteil lag zu dieser Zeit bei fast 50%. Später wurden die freiwerdenden Häuser zugemauert. Fortuna wurde zur Geisterstadt, die jeder Wildwestkulisse zur Ehre gereicht wäre.

Am Sonntag, den 27. April 1980 um 16.00 Uhr wurde in der Pfarrkirche “St. Barbara” die letzte hl Messe gefeiert. Nicht alle Gläubigen konnten in der Kirche Platz finden, viele drängten sich vor dem Eingang. Es waren emotional bewegende Augenblicke für die vielen Leute die hier getauft wurden, zum Kommunion gegangen sind oder geheiratet haben.

Nach der Entwidmung der Pfarrkirche wurde später der charakteristische Zwiebelturm abgehoben. Er fand vor der Kirche in Oberaussem einen neuen Platz. Am 10. November 1991 ging ein lang ersehnter Wunsch vieler Fortunesen in Erfüllung. Am Ernst-Reuer-Ring in Oberaußem wurde eine Gedenkkapelle St. Barbara errichtet. Der Bau wurde durch private Spenden und durch Spenden von Rheinbraun und RWE ermöglicht.

Abschließende lässt sich feststellen, dass Rheinbraun bzw. RWE und deren Rechts-vorgängerinnen vielen Leuten eine Heimat gegeben haben, sie haben ihnen diese aber auch wieder genommen.

Unter “Fotos” ist eine Galerie von Bildern enthalten, die mir zum größten Teil mein Bruder zur Verfügung gestellt hat. Dafür danke ich ihm.

Nachtrag: Bei einer Internet-Recherche stieß ich auf einen Artikel der Zeitschrift “Rheinkiesel” aus Rheinbreitbach. Hier war in der Ausgabe Mai 2004 ein interessanter Artikel abgedruckt

Es ging um die Figur des hl. Josef, die bis um 1900 in der Pfarrkirche St. Maria Magdalena in Rheinbreitbach gestanden hatte. Dann änderte sich der Zeitgeschmack und die Barockkunstwerke verschwanden wahrscheinlich im Stall des alten Pfarrhauses. Im Jahre 1923 wurde Alfred Ermert neuer Pfarrer in Rheinbreitbach. Dieser war ein Bruder des Oberingenieurs Otto Ermert der Braunkohlengrube Fortuna, der dem 1. Kirchenvorstand der Pfarrgemeinde St. Barbara in Fortuna angehörte. Hier wurden dringend Einrichtungsgegenstände für die neue Kirche in Fortuna gesucht. Aus der Verbindung der beiden Brüder Ermert kam dann u.a. die Figur des hl. Josef nach Fortuna.

Nach dem Abriss der Kirche wurde diese Figur in ein Depot des Erzbistums Köln verbracht. Hier wurde sie von einem Rheinbreitbacher Heimatforscher entdeckt. Mit der Nachfolgerin der Kath. Kirchengemeinde “St. Barbara”, der Kirchengemeinde in Oberaussem wurde ein Dauerleihvertrag abgeschlossen. Am 22.12.2003 kehrte dann die Figur des hl. Josef an die Pfarrkirche St. Maria Magdalena in Rheinbreitbach zurück.

2. Nachtrag: Dank aufmerksamer Leser – wooh ich werde sogar gelesen – konnte ich einige sachliche Berichtigungen und Ergänzungen vornehmen. Für die Hinweise bedanke ich mich.

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